Werde über neue Berichte informiert

Typisch deutsch- Typisch irisch!?

Wir gehen spazieren. Meine Bekannte, ihre vier Kinder die glücklicherweise im selben Alter sind wie meine, und natürlich meine Drei und der Hund.
Die letzten Nächte waren klar und eiskalt. Selbst unter den zwei Decken kam ich nicht zur Ruhe und meine Wärmflasche rettete mich vor erfrorenen Zehen und war die reinste Wohltat.

Das Knistern unter meinen Wanderschuhen kommt mir bekannt vor und versetzt mich unweigerlich in mein Heimatland. Ich dachte ja in Irland schneit´s nicht,Schneemann in Irland, Highlight aber meine Bekannte erzählt mir, dass dies doch vorkommt. Ungefähr alle zehn Jahre. Ich danke dem Himmel dafür, denn der größte Traum meiner Kinder ist mit dem Schneefall der letzten Nacht endlich in Erfüllung gegangen und als ich die insgesamt sieben Kinder freudvoll im weißen Puder toben sehe, macht mich das einfach nur glücklich.
Es dauert auch nicht lange, da wird John the snowman geboren. Ein ca. 1,5m großer dicker Kerl, der Augen aus Stein bekommt und dem Stöcke als Arme und Hände dienen. Die Kinder haben die kleinen Kiesel so angeordnet, dass der Schneemensch zufrieden zu lächeln scheint.

Es ist einen Tag später und ich lese die Nachricht meiner Bekannten, nennen wir sie Juliane „(Zitat, aus dem englischen übersetzt) Hey Katharina, waren heute nochmal bei John. Der hat die Wärme der Nacht wohl nicht ganz überlebt und ist in drei Kugeln auseinander gefallen. Aber die Kugeln, die sind noch komplett ganz. Ich sage es ja immer: Die Deutschen, die bauen solide Sachen!“ Mir huscht unwillkürlich ein breites Grinsen über die Lippen, ein kurzer Lacher.

Die Deutschen… wie oft hab ich das im letzten halben Jahr von den Einheimischen, aber auch Menschen anderer Länder gehört! Ich find´s immer mega spannend eine objektive Meinung zu hören.

Wir sind eingeladen worden. Elternzeit, so nennt sich das Event. Der Plan: Die 12 (!) Kinder (zwischen 3-15J.) werden mit reichlich süßem sowie salzigem Popcorn, zwei Jugendlichen als Aufpasser und einem Berg an Obst vor dem großen Flachbildschirm geparkt und glotzen Comics.
Die Elternpaare der insgesamt drei Familien sitzen im Nachbarhaus bei spanischer Musik und romantischem Feuer an der langen, liebevoll gedeckten Tafel und werden vom Chefkoch (der wirklich einer ist) spanisch bekocht. Boa, LECKER!
Das ganze geht dann so lange, bis die zwei „Babysitter“ keine Böcke mehr haben, das erste Kind vor Müdigkeit ´nen Schreianfall kriegt oder alle friedlich auf dem riesengroßen Sofa eingepennt sind.

Der Abend schreitet voran. Wir Eltern führen Gespräche, lachen, essen und trinken alles zwischen Wasser und Wein. Die Stimmung ist ausgelassen und jede*r von uns scheint es sichtlich zu genießen, mal ein Gespräch ohne tausend (Kinder)Zwischenfragen zu führen.
Die zweite Flasche des italienischen Rotweins ploppt soeben auf und unsere Bekannte geht reihum, um die Gläser nachzufüllen. Auch ich werde gefragt ob ich Wein möchte und wende mich kurz und knapp mit einem knappen No! an sie, als alle Spanier und Iren und sogar Peter beginnen, sich vor Lachen zu kringeln beginnen.

Es braucht zwei Sekunden bis ich kapiere, warum.

Einige Minuten zuvor haben wir uns gemeinsam über die Eigenheiten der verschiedenen Kulturen unterhalten und festgestellt, dass wir Deutsche ein ziemlich direktes und dadurch manchmal unhöflich scheinendes Volk in Augen der Anderen sind. Mein knappes No!, ganz nach dem Motto Nerv´ nicht, ich unterhalte mich gerade! diente demnach als Beweis und ist mir absolut authentisch und ohne „bösen Hintergedanken“ rausgeplatzt.
Ich schließe mich dem Gelache an und kann über das typisch Deutsche ziiiiiemlich schmunzeln.

Mein erster Einkauf in Irland. Ich muss zugeben, dass ich nicht mal weiß was Kasse auf englisch heißt, geschweige denn, Kassenbon. Egal, das wird schon, lautet mein Mantra.
Die Schlange vor mir ist lang und meine Anspannung steigt, denn mein Schulenglisch könnte mich heute ziemlich blamieren.

Der Mann vor mir hat seinen Einkauf abgeschlossen und seinen Kram zusammengepackt, als ich der jungen Kassiererin in die Augen blicke und wie selbstverständlich Hello sage. Ich dachte, das gehört sich so… Hi, how are ya? ernte ich als ihre freundliche Antwort. Ich bin verwundert.
Hä? Wie meint sie das denn jetzt? Was soll ich dazu sagen? Danke, geht so. Die Maske geht mir aufn Sack und ich krieg kaum Luft, wir befinden uns in Quarantäne und das Wetter ist seit Tagen scheiße?

Doch ich sage NICHTS. Und hoffe, dass sie trotz Maske an meinen kleinen Fältchen neben meinen Augen mein höfliches Lächeln erkennen kann.
Nach sechs Monaten ist mir lange klar, dass die Wie geht’s dir- Floskel in Irland einfach dazugehört. Und mittlerweile gehört sie auch zu mir im Kontakt mit den Einheimischen. Egal ob Finanzamt, Poststelle, Kasse oder Vermieter How are ya? ist schon lange Standard und somit typisch irisch!

Scheiße! fluche ich in die Handykamera. Ich will den Augenblick festhalten und somit die allererste Notsituation im neuen Land. Der Regen knallt mit voller Wucht auf die Frontscheibe des Autos, als ich verzweifelt mein Handy zu überzeugen versuche, dass ich mich hier nicht auskenne und es mich bitte navigieren soll. Die google maps App hat just den Geist aufgegeben und ich absolut keinen blassen Schimmer wo sich unser Airbnb befindet.
Zehn Minuten vergehen, dann zwanzig. Ich rede mir ein auf der richtigen Straße zu sein, obwohl ich vor lauter Sturm und Regentropfen und trotz kräftig arbeitenden Scheibenwischern kaum etwas zu erkennen vermag.

45 Minuten eiere ich nun schon umher. Langsam wird es dunkel. Wenigstens ist es frisch draußen und mein Einkauf im Kofferraum wird es überleben. Und ich somit auch. Egal wie lange ich noch suchen muss, Essen habe ich genug und zur Not trinke ich eben aus der nächsten Pfütze.
Als ich endlich realisiere, dass mir keines der Straßenschilder auch nur annähernd bekannt vorkommt, beschließe ich um Hilfe zu bitten.

Ich drücke vor dem nächsten Haus in dem Licht brennt und ein Fernseher läuft auf die Eisen. Zügig steige ich aus und renne an die Haustüre, in der Hoffnung, so nicht komplett nass geregnet zu werden. Doch statt der Türe öffnet eine dunkelhäutige Frau das Fenster einen Spalt und schaut mich mit ihren tiefbraunen Augen leicht verängstigt an.
Meine Englischkenntnisse helfen mir jetzt überhaupt nicht weiter. Wir sind gerade vier Tage im Land und der Dialekt der Frau klingt für mich eher wie chinesisch als wie englisch.
Doch wer will findet Wege: Mit Händen, Füßen und einigen Vokabeln die mein Hirn notfallmäßig auf Lager hat, mache ich ihr klar dass ich mich verfahren habe und ziemlich LOST fühle.
Nach einigen Minuten des Nachfragens scheint sie Vertrauen gefasst zu haben und öffnet mir die Türe.

Und das ALLERERSTE was sie mich fragt, mich geradezu dazu auffordert, ist: Möchtest du eine warme Wanne nehmen? Du bist ja völlig durchgefroren!

Während ich das schreibe, überkommt mich ein krasser Mix aus Freude, Dankbarkeit und Gänsehaut.

Ich lehne dankend ab und zeige ihr auf meinem Handy die Telefonnummer meiner Vermieterin. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht über eine irische Sim- Karte verfüge, habe ich keine Möglichkeit mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen.
Sie versteht sofort was ich will und brauche. Und während sie mit Mandy telefoniert (die in echt natürlich anders heißt), versucht eines ihrer drei Kinder nebenbei die Adresse des Airbnb zu finden. Ohne Erfolg!
Doch die nette Dame erklärt mir, dass Mandy mich gleich anrufen würde und mir den Weg nachhause weist. Drei Sekunden später klingelt mein Handy und ich nehme den Anruf an.
Doch bevor ich mich auf den Heimweg begebe, verabschiede ich mich mit einer zutiefst dankbaren Geste meines Körpers, einem erfüllten Lächeln in meinem Gesicht und Glück in meinem Herzen.

Ich könnte etliche Situationen der Hilfsbereitschaft und Geduld aufzählen, die mir im letzten Halbjahr entgegengekommen sind. Sei es die nicht funktionierende Kreditkarte bei meinem 180€ Einkauf (und dem Kommentar der Kassiererin Don´t worry. Take your time, als ich ihr erkläre dass ich mal eben Geld von A nach B überweisen müsse), das Geschrei meiner Tochter im Laden, weil ich ihr keine Kaugummis kaufen wollte und den absolut verständnisvollen Blicken der Mitmenschen. Oder der Dame im Postoffice, die sich auf die Suche nach einem verschollenen Paket machte und sich dazu extra meine Telefonnummer notierte.

Ich könnte ebenso viele Situationen der strafenden, verachtenden Blicke aus Deutschland beschreiben. Und ich stehe dazu wenn ich sage: Die Deutschen (sicherlich nicht alle, aber ziemlich viele) haben ein Problem mit Kindern. In Deutschland ernte ich oft genervte Blicke, sobald ich mit drei lebhaften Menschlein den Laden auch nur betrete. In Irland, so habe ich mir sagen lassen, waren Großfamilien schon immer normal. Und das merkt man einfach!
Das ist kein Vorurteil, denn meine Bekannte die deutscher Herkunft ist, jedoch in Irland aufgewachsen und nun fünffache Mutter ist, bestätigte mir dies eindeutig.

Als ich euch auf Instagram nach Typisch deutsch gefragt habe, kamen Antworten wie: Sauberkeit, Ordnung, Effizienz, Pünktlichkeit, Ernsthaftigkeit, Planungsweltmeister etc.

Ich finde es höchst spannend zu hören, wie ich von anderen eingeschätzt werde und mich selbst zu reflektieren. Und immer wieder merke auch ich, dass deutsches Blut durch meine Adern fließt. Wenn ich einen Ordnungswahn bekomme weil ich Besuch erwarte zum Beispiel.
Wenn mein Zeitmanagment mal wieder exakt durchgeplant ist und garantiert funktioniert!
Wenn ich den kommenden Tag bereits in meinen Träumen mit Uhrzeit und Tätigkeit versehe und immer weiß wann genau was zutun ist, um möglichst alles unter einen Hut zu kriegen.
Wenn ich mich über die Unpünktlichkeit und Spontanität meiner „ausländischen“ Mitmenschen ärgere und im nächsten Moment merke, wie viel Freiheit diese Art des Lebens mit sich bringt.

Ich bin Lernende in einem Land, dessen Regeln mir erst mit der Zeit bekannt werden und die ich mal mehr, mal weniger nachvollziehen kann.

Ich picke mir also das Beste heraus. Ob irisch oder deutsch- Menschen sind wir alle. Gleichwertig, liebenswert, mit Macken, Eigenheiten und Tücken. Aber vor allem, miteinander verbunden!

Beitrag teilen:

Vorheriger Beitrag
„Auf der Insel regnet´s das ganze Jahr“ – Echt?
Nächster Beitrag
Unser Leben ohne Schule – Wie bitte, WAS?

8 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Oh – das ist so schön beobachtet, empfunden und geschrieben. Thanks a lot for sharing ☺️🙏❣️

    Antworten
  • Markus Helfferich
    10. Februar 2021 9:17

    Hallo Katharina,
    wieder mal eine nette Geschichte. Diese bringt mich dazu, mich an meine erste Zeit auf der Insel zu erinnern und dient mal wieder als Inspiration zu einem neuen Beitrag auf meinem Blog. Nur gut, dass ich Deine Beiträge immer gleich per Mail bekomme 😉
    Ich bleibe jedenfalls am Ball und freu mich auf weitere nette Geschichten.
    LG Markus

    Antworten
  • Ich bin 2x so alt wie du, habe vieles auch erlebt. Deine Erzählung lässt mich erinnern…
    Wirklich schön . . .

    Antworten
    • Vielen Dank, lieber Johannes!
      Ja, die Erinnerungen sind es, die uns Menschen immer wieder ins Stauen, Bewundern und Schwelgen bringen 😊
      Ich wünsche dir eine gute Nacht bzw. morgen einen sonnigen Tag ☀️
      Viele Grüße, Katharina

      Antworten
  • Sehr schön geschrieben. Bei mir sind es nun schon 25 Jahre her, daß ich das erste Mal irischen Boden betreten haben. So richtig habe ich die Unterschiede erst mitbekommen, als ich vor 15 Jahren hier begann, einen Job anzunehmen. Meine Kollegen schmunzeln schon immer, wenn ich in deutsch vor mich hinfluche. Da wissen sie, irgendjemand hat mal wieder meine Ordnung durcheinander gebracht 🙂

    Antworten
    • 😂😂😂 Ja, die deutsche Ordnung! Weltbekannt 😂
      Und ich ertappe mich auch immer wieder dabei 😉
      Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag 🌼, Katharina

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Weitere Beiträge

Menü