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Lockdown light and a heavy soul

Vier Wochen sind geschafft. Lange Wochen voller Einkehr, Ruhe, Alltag und zuhause sein.

Zugegeben, die Kinder schlagen sich sehr gut. Seitdem die irische Regierung den schön verpackten lockdown „light“ im Oktober beschlossen hat, sind wir fast ununterbrochen in unserem gemütlichen Heim und harren der Dinge die da kommen.

Zeitsprung!


Mittlererweile schreiben wir Dezember. Wir sind wieder freier und dürfen uns weiter als 5km von zuhause entfernen. Welch Erleichterung, keine Polizeikontrollen mehr auf der Straße zu sehen und ohne Sorge, angehalten zu werden, an den Strand zu fahren.

Am Lieblingsstrand angekommen löst sich der Kloß in meinem Hals langsam auf. Wie sehr habe ich die Meeresluft vermisst, wie sehr das Rauschen der kräftigen Wellen und die Weite des Ozeans. Meine Augen füllen sich mit Tränen als ich mir den Moment der Einkehr ganz oben auf der Düne nehme und einfach atme.
Hier riecht es so besonders. Der kalte Wind düst an meiner Kapuze vorbei als ich mich dazu entscheide ein paar Bilder zu knipsen. Du wundervolle See, so stürmisch bäumt sich Welle für Welle auf und ich spüre welch unbändige Kraft in dir wohnt.
Der Strand ist leer, wie fast immer. Und unser Hund Jolo der glücklichste der Erde. Elegant gallopiert er am Strand entlang, hofft auf Steinchen werfende Menschen und andere Hunde zum Spielen.
Zwei Sekunden lang die Kinder aus den Augen verloren haben sie bereits ihre Schuhe und Socken ausgezogen, ihre Hosen hochgekrempelt und hüpfen über die zarteren Wellen am Strand. Ja, es ist Winter und echt kalt, aber das interessiert in diesem Moment offenbar keinen meiner Jungs.
Johanna ist in ihr Sandspielzeug vertieft und bedient sich mit Eimerchen und Schaufel am Salzwasser.

Ich setze mich auf den einzigen großen Baumstamm den ich finden konnte und danke dem Himmel dafür dass wir hier sein dürfen.

Zeitsprung!

Heute sind die Jungs und ich offenbar mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden. Die Laune ist mies und gäbe es einen Keller würde ich sagen, irgendwo in diesem Bereich befindet sie sich.
Niemand von uns Dreien spürt Motivation in sich etwas dagegen zutun und so öden wir uns den halben Vormittag einfach nur gegenseitig an.

Nach dem Frühstück platzt mir der Kragen. So viel Gemecker, zu viel Langeweile und eine Tonne Erwartungen an mich überschwemmen meinen inneren Akku und lassen ihn innerhalb weniger Stunden komplett auf 0 runterfahren. Ich kann nicht mehr! Und ich will nicht mehr! Heute ist so ein Tag an dem ich unbedingt abhauen will. Tasche packen, Freundin einsammeln, Wellness Hotel! Tschüß Herausforderungen, Erwartungshaltungen, Lebenskonzept, Vollzeitmama sein. Arrivederci Kinder, Mann, Hund- ihr könnt mich alle mal gern haben…

Zurück im wahren Film.

Meine Stimme wird laut. Ich lasse der Wut (auf wen und was eigentlich?) freien Lauf. „Ich weiß es ist gerade alles schwierig für euch. Und ich weiß auch, dass ihr eure Familie vermisst und eure Freunde in Deutschland. Und ja, mir ist bewusst wie kacke die Situation mit Corona ist und wie hart sie uns in dieser neuen Situation trifft. ABER bitte hört auf mich die ganze Zeit voll zu nölen und von mir zu erwarten dass ich euch all das geben kann was euch eigentlich fehlt. Verdammt nochmal!“

Stille! Erstaunte Blicke!

Katharina Nawka

„Boa Mama“, beginnt der Große „du musst uns ja nicht gleich so anbrüllen…“ „Tsss, GLEICH?“ brüllt mein Ego. „ Ja es ist halt auch alles scheiße gerade“ brüllt er zurück. „Ich will nach Deutschland zu Philipp. Oder hier einen echten Freund haben. Und ich will die Onkels sehen und Omas und Opas. Oder zu denen fahren. Auf jeden Fall kotzt mich das alles hier an“ (Für alle super-Korrekten: Ja, wir reden hier manchmal so. Und dazu stehe ich. Gefühle dürfen raus…)

Ich halte inne. Seine Worte treffen mitten in mein Herz. Zerreißen es fast. Es schmerzt. Es tut verdammt weh. Vorwürfe machen sich breit, gefolgt von Umzugsplänen.
Doch ich schaffe innerhalb weniger Sekunden den SHIFT. Ich spüre in mein Herz und es ruft ganz laut: Vergiss die Fluchtversuche. Geh durch das was ist und nimm es an.

„Ok, ich weiß ich weiß. Es ist absolut nicht das was du brauchst. Du brauchst Menschen um dich herum, stimmts? Freunde und geliebte Menschen, richtig?“ „Ja“, seufzt er mir entgegen. „Weißt du Jarek, sage ich, ich kann das so gut verstehen. Mir geht’s genauso! Ich vermisse meine Freunde in Deutschland und ich dachte auch dass wir uns hier schneller vernetzen werden. Und ich dachte vor allem auch, dass Corona sich endlich verzieht. Ich kann so sehr nachempfinden was du sagst….und ich verspreche dir, dass ich alles tun werde damit wir hier wirklich ankommen können.“ „Ja, weiß ich doch Mama“

Es reicht ein Blick zwischen uns um zu kapieren dass wir auf der selben Welle reiten. Kein Wunder also dass seine Worte mich zutiefst bewegen und ziemlich hart treffen. Dass es uns beiden nicht gut geht und die Situation belastend ist, ist sofort klar. Das diese ganze Auswanderungsgeschichte kein Kindergeburtstag ist und einiges abverlangt ebenso. Vor allem Geduld und Vertrauen.

Das Schöne ist, dass wir uns generell alle total wohlfühlen hier. Wir mögen unser Haus, das Land, die Menschen, die Sprache und das Meer.
Langsam begreife ich, was einst eine Irin zu mir sagte: Give yourself time!
Ja, das werde ich. Das werden wir. Denn wenn sich eines gut anfühlt, dann das die Grundentscheidung absolut richtig war! Und wenn dieses Fundament einen guten Halt hat, dann wird sich alles andere bald fügen. Und außerdem: Darf man ja wohl auch mal kacke drauf sein!

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