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Friede, Freude, Eierkuchen- Achterbahn der Gefühle in Irland

„ Und ich hoffe dass es vielleicht vielleicht, für immer so bleibt!“
Während meine Hände das warme schäumende Wasser berühren, wackelt meine Hüfte im Takt hin und her und aus meinem Mund ertönen die Wörter dieses Lieds.
„ Und ich hoffe dass es vielleicht vielleicht, für immer so bleibt!“

Der Satz zieht durch- vom Kopf geradewegs ins Herz. Ich kann nicht still halten während AnnenMayKantereit mir den perfekten Sound für meine Küchen- Aufräum-Aktion liefern.

Das Geschirr ist sauber, die Ablage abgewischt, Stühle an den Tisch geschoben, doch die Musik läuft weiter. Laute Töne dröhnen in mein Ohr, meine Stimmbänder vibrieren, während ich laut und mit ganzer Körpersprache zur Musik singe.
Ich sehe die bunten Küchenfliesen an der Wand, das blaue Marmorimitat meiner Arbeitsplatte und den Milchaufschäumer, der schon auf morgen früh wartet.

Alles in mir schwingt. Ich schließe die Augen während mein Körper zu tanzen beginnt und eins wird mit dem JETZT! Der Moment ist perfekt. Ich tanze in der halbwegs aufgeräumten Küche und BIN einfach…
Jede meiner Fasern füllt sich mit Liebe. Ich spüre mein Leben so tief, so echt, so nah. Ich kann es auf eine ganz besondere Art und Weise fühlen.
Stolz macht sich breit und neben unendlicher Dankbarkeit und Optimismus wage ich gedanklich einen Blick in meine Zukunft. Sie gefällt mir. Ich visioniere während YouTube den passenden Sound auflegt.

Wie geil ist das eigentlich alles hier?

Zwei Monate auf einer Insel zu leben, die nie zuvor auf meiner to-do Liste stand und die ich in diesem August zum ersten Mal erblicken durfte, das ist genial!

Der Umzug ins neue Haus ging dank dem mittelgroßen Anhänger ziemlich unbeschwert. Das Haus in dem wir leben dürfen war zudem komplett möbliert und somit startklar.
Dass unsere Vermieter einen anderen Einrichtungsstil haben als wir war zu erwarten und somit entschieden wir uns, den großen Schweden (auch genannt IKEA) zu engagieren und uns ein paar Sachen zu liefern.
Mittlererweile leben wir in einem gemütlichen Heim mit einem offenen Kamin, einem großen Garten, einer separaten Gemüseanbaufläche, fünf Zimmern und dem allerschönsten Ausblick auf der Welt (vorausgesetzt man besteht nicht aufs Meer).
20 Minuten mit dem Auto entfernt finden wir die ersten Strände und wenn wir weitere 10 Minuten drauflegen, dann erreichen wir unseren Lieblingsbeach.
Nur 9 Minuten mit dem Auto haben wir einen wunderschönen Weg am Fluss entdeckt, der eine Badestelle bereitstellt und so klares Wasser hat dass man auf den Boden schauen kann.
Wir leben in Alleinlage, weshalb sich auch niemand darum schert dass ich um 21 Uhr die Mucke voll aufdrehe und mit offenem Fenster singe was das Zeug hält.
Umgeben von den Kühen unserer Vermieter, einer bergigen Landschaft und saftigen grünen Wiesen, ruft uns die Südterrasse bei Sonnenschein zum Käffchen trinken (wobei ich gar keinen Kaffee trinke…).

Lasse ich die letzten zwei Monate revue passieren, so fällt mir auf, dass unser Vorhaben hier extrem schnell Form angenommen hat und wir verdammte Glückspilze sind!

Ein Mal pro Woche bringe ich die Jungs in die Waldschule, in der sie unter englischer Anleitung Feuerholz sammeln, Pflanzen kennen lernen und Kastanienmenschen bauen können. Die Gruppe ist altersgemischt und es entsteht dadurch eine sehr harmonische Energie.

Das Töchterlein hat nun einige Male den Waldorfkindergarten besucht und weigert sich komplett, weiterhin hinzugehen. Und obwohl es dort eine deutschsprachige Kindergärtnerin gibt, habe ich keine Chance, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Tage sind gefüllt mit Schulaufgaben, Lego spielen, ausschlafen, backen, kochen, diskutieren, spazieren und vielem mehr. Unser Leben ist sehr im Fluss und ich bin zutiefst dankbar über diese Freiheiten. Es ist auch einfach ein Träumchen den Kindern beim Lernen zuzusehen und zu erkennen wie unterschiedlich sie sind. Das deutsche Schulsystem gehört längst reformiert und es geht einfach nicht in meinen Kopf hinein, warum es immer noch die Schulbesuchspflicht (nicht zu verwechseln mit Bildungspflicht!) in diesem Land gibt!

Bei uns zuhause wird gebastelt und dekoriert, mit großer Leidenschaft gebacken und die Räume mit eigens produzierter Klaviermusik zum Leben erweckt. Die Kinder rollen sich im Gras um die Wette den Berg hinunter, waten durch eiskalte Flüsse und gehen in ihnen schwimmen. Jarek ist hoch motiviert die englische Sprache zu lernen und sitzt nicht selten um 22 Uhr noch mit Nachtlicht im Bett um seine Aufgaben zu machen.
Anton ist kaum aufzuhalten wenn es um Mathe und Bewegung geht und Johanna übt fleißig das Schreiben, bastelt Einhörner, schneidet aus, klebt und dekoriert.

Unser Leben hier ist so bunt, so reichhaltig, so vielfältig, so wundervoll!
Voller Demut verneige ich mich vor unserem Leben und weiß jede Sekunde zu schätzen in der wir gesund und glücklich sind.


Die Kinder und ich haben uns bereits ein kleines Netzwerk an Familien aufgebaut, mit denen wir uns treffen. Ich meide die Deutschen hier, was gar nicht so leicht ist, und umgebe mich fast nur mit englischsprachigen Erwachsenen.
Manchmal denke ich, dass mein englisch niemals besser werden wird und ein anderes Mal bin ich erstaunt darüber wie flüssig es aus mir heraus sprudelt. „Geduld trägt Rosen“ hat meine Oma schon als Kind zu mir gesagt und das Leben in Irland verlangt dies auch von mir ab.
Immer wieder mache ich mir Gedanken, fast schon Sorgen darüber, die Kinder könnten niemals die Sprache lernen. Dann beginnt sich die Ungeduldsspirale zu drehen und mein Vertrauen gerät für einen Moment ins Wanken. Doch sobald Peter mir vor Augen führt wie viel Kontakt alle drei mit der englischen Sprache haben, beruhige ich mich und Ruhe macht sich breit.


Der Linksverkehr war von Beginn an kein Thema für mich. Es fällt mir leicht mich auf den Straßen wohlzufühlen was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich generell verdammt gerne Auto fahre. Wie gut, denn Irland erfordert definitiv ein zuverlässiges Gefährt. Die Straßen sind lang und Ziele erreicht man oft nur mit etwas Aufwand.
Funfakt: Die Iren sind generell immer dankbar wenn man auf engen Straßen Platz macht. Da sie das Lenkrad jedoch auf der rechten Seite haben, schmunzel ich jedes Mal wenn eines meiner Kinder gedankt wird oder der Beifahrerplatz leer ist und das Danke ins Nichts verläuft. An das Lenkrad auf der anderen Seite habe ich mich übrigens immer noch nicht gewöhnt. Ich bin jedes Mal irritiert wenn sie auf der anderen Seite einsteigen und losfahren.


Mein Bericht klingt wie Friede, Freude, Eierkuchen und mein Leben ist es auch tatsächlich zu einem ganz großen Prozentsatz. Ich liebe meine Kinder, meinen Mann, den Hund, unser Zuhause und diese magische Insel mit ihren nebeligen Sonnenaufgängen die meiner Fantasie von bezaubernden Elfen und kleinen Kobolden freien Lauf lassen.
Wir sind alle gesund und niemandem geht es schlecht hier. Alle drei sind der Herausforderung des Auswanderns bisher absolut gewachsen.

Aber es gibt auch ein Aber. Mal mehr, mal weniger. Mal intensiv mit Herzschmerz, mal leichter, nur an der Oberfläche brodelnd.
Das Aber ist unser Weltgeschehen und die daraus resultierenden Konsequenzen.
Menschen verlieren ihre Arbeit, können ihre Familie nicht mehr adäquat ernähren, haben schlaflose Nächte, Kopfzerbrechen und pure Existenzangst.
Alte sterben alleine im Pflegeheim, Beerdigungen werden limitiert, Hochzeiten abgesagt.
Alles steht auf der Kippe und zwischenmenschliche Beziehungen finden immer mehr über Zoom oder Skype statt. Der Besuch meiner Familie hängt in der Luft und meine Kinder sind voller Hoffnung, ihre geliebten Menschen bald wiedersehen zu dürfen.
Mir macht das zu schaffen. Ich sehe die Entwicklung der Erde und kann dabei nicht mal die ganze Tragweite erfassen. Was vielleicht auch besser so ist.

Covid-19 ist in aller Munde und schränkt unser Leben extrem ein. Die Machthaber treffen Entscheidungen für unser körperliches Wohl, rechtfertigen lockdowns und den Untergang ihres Volkes- alles für unsere Gesundheit…

Meine Meinung: Gesundheit findet auf allen Ebenen des Lebens statt. Ich kann körperlich absolut fit sein, aber psychisch ein Wrack. Ich kann leiden, weinen, trauern, Verzweiflung spüren, Sehnsüchte aushalten und mich am letzten Zipfel der Hoffnung festklammern- niemand sieht es mir an!
Unsere emotionale Gesundheit wird unterschätzt!
In den letzten Monaten ist mein Onkel verstorben. Ich konnte leider nicht bei seiner Beerdigung dabei sein. Einige Wochen später eine Bekannte. Ihre Trauerfeier wurde limitiert… Wer gibt den Menschen diesen Moment zurück? Niemand wird es jemals können! Wo wir wieder bei den ersten Absätzen meines Berichtes sind- wir leben JETZT!
Momente kann man nicht nachholen, Sehnsucht wird nicht durch den Verstand gestillt. Liebeskummer löst sich nicht in Luft auf.
Ein mir unglaublich wichtiger Mensch wurde in den letzten Wochen operiert. Ich durfte sie nicht im Krankenhaus besuchen- wegen C.

Wem kann ich den bunten Blumenstrauß der Genesung übergeben wenn ich nicht mal an die Menschen rankomme die mir unendlich wichtig sind? Wieso werden Gebärende angehalten Masken unter der Geburt zu tragen und warum verdammt nochmal müssen Eltern ihren Kindern Daunenjacken kaufen, weil die Lehrer dazu verpflichtet werden regelmäßig bei allen Temperaturen im Klassenraum Durchzug zu machen?
Wer fängt die kleinen Babies emotional auf, die so sehr auf die Mimik ihrer Mitmenschen angewiesen sind?

Wie schlimm kann ein Virus sein, dass wir unsere Seele vergessen. Dass wir vergessen, wie wichtig Zusammenhalt, Freundschaft, Familie und Unterstützung ist?

Das große ABER in meinem Leben sind die Entscheidungen die wir alle mehr oder weniger respektieren müssen. Es sind vor allem die Kinder, die in einer Welt aufwachsen in der Kontrolle mehr zählt als Nächstenliebe und Vertrauen.

Triggert dich? Das ist okay. Jeder darf seine eigene Meinung haben.

So, ich muss pinkeln, der Abend ist spät, die Nacht wird kurz, meine Augenlider schreien nach Feierabend und meine Finger dürfen sich nun ausruhen.
Danke, dass du bis hierhin gelesen hast und dass du uns begleitest!

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Love you all and hopefully see us soon 🙂 :-*

    Antworten
  • Das hast du schön geschrieben……ich beneide Dich/Euch, dass ihr diesen Schritt gewagt habt.
    Covid beeinträchtigt alle Menschen auf der Welt, aber Ihr erlebt diese Sch……auf dem schönsten Fleckchen der Erde☘💚
    Ich freue mich mehr von Dir zu lesen.
    Lieben Gruß
    Melanie

    Antworten
    • Liebe Melanie,

      vielen Dank für deine Nachricht!
      Ja, ich bin auch zutiefst dankbar hier leben zu dürfen und sende dir Kraft und Zuversicht für diese anstrengende Zeit, in der wir uns alle befinden 🙏 🙏
      Atlantische Grüße von der Regenbogeninsel 🌈, Katharina

      Antworten

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